Kaffee bei Ingela

Heute sind wir zum Kaffee bei Ingela eingeladen.

Ich freue mich schon seit Tagen darauf. Nach Großeinkauf und Hausputz ziehe ich meinen Kindern den Sonntagsstaat an, besorge einen Strauß Tulpen und fahre zu Ingelas Wohnung in einem  kastenförmigen, dreistöckigen Wohnblock. Gelbe Ziegelsteine, verblasste 60er-Jahre-Fassaden. Vorm Haus ein Spielplatz, den mein Sohn am liebsten sofort erkunden würde.

Ingela ist 86 Jahre alt. Ich kenne sie aus dem wöchentlichen Språkcafé (Sprachcafé), in dem ich in den letzten Monaten Stammgast geworden bin. Ingela leitet das Café, geht auf ihren Stock gestützt von Tisch zu Tisch, kennt jeden und plaudert überall ein paar nette Worte.

Sie hat mich letztens gefragt, wie es mir geht (s. hier), und ich fand zu meiner eigenen Überraschung genügend schwedische Worte in meinem aktiven Wortschatz, um herauszusprudeln, dass ich mich wohl, aber manchmal auch ganz schön einsam fühle. Ohne Familienbande, ohne meine Freunde, abgeschirmt durch eine Sprachbarriere; unter freundlichen Menschen, die doch so unerwartet reserviert sind. Da hat mich Ingela zum Kaffe eingeladen. Ein Ritterschlag.

Heute öffnet sie uns die Tür mit einiger Mühe. Der Rollator, an dem sie sich abstützt, lässt sich nur schwer über die Teppiche bugsieren. Sie sei gestern gestürzt, erzählt sie, als sie gerade auf Besuch im Asylbewerberheim gewesen sei. So ist sie, Ingela, 86 Jahre alt, Menschenfreundin, Pastorenwitwe, Smartphone-Besitzerin.

Die Wohnung sieht aus, wie eine Wohnung aussieht, wenn 45 Jahre lang ein älter werdendes Ehepaar darin gewohnt hat. Häkeldeckchen und Trockenblumen, an den Wänden Kalender mit Fotos von Enkel- und Urenkelkindern. Ein tröstliches „Zuhause bei Oma-Gefühl“ befällt mich. Es gibt Kaffee und Kekse.

Für meinen Sohn hat Ingela eine Handvoll Spielzeugautos hervorgeholt und lässt sie erstmal in wilder Fahrt über den Tisch rasen und über die Tischkante abstürzen. Der Knirps ist kurz verblüfft, dann völlig begeistert.

Bilar“ (Autos) sagt er, und das ist das erste Mal, dass ich ihn von sich aus Schwedisch sprechen höre. Bislang hat er ausschließlich Deutsch gesprochen, ob man ihn verstand oder nicht.

Ingela zeigt ihm, dass man von ihrer Küche aus im Kreis durch das Schlafzimmer und den Flur wieder in die Küche laufen kann. Und dann schlägt sie jedes Mal vor Erstaunen die Hände zusammen, wenn der Kleine ins Schlafzimmer flitzt und aus dem Flur wieder auftaucht. Mein Sohn jauchzt vor Vergnügen und tobt sich ordentlich aus.

Wir reden über Deutschland, Schweden und die Welt, über unsere Familien, die kommenden Ostertage und wie man diese in unseren Ländern feiert. Wir schauen in Fotoalben und Smartphones.

Als wir ihre Wohnung verlassen, sehe ich auf die Uhr: Drei Stunden sind vergangen. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich mich gerade gut drei Stunden auf Schwedisch unterhalten habe. Ich habe sicher viele Fehler gemacht, besonders mit den Adverbien tue ich mich noch schwer, und ein- oder zweimal musste ich mir mit einem englischen Wort behelfen. Aber es ging.

Die Sprachbarriere ist wieder ein wenig kleiner geworden. Und mein Erfahrungsschatz größer.

G

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