Limbus

Förskola! Der Grund, warum in Schweden 80% der Frauen berufstätig sind. Hier lassen sich Elternschaft und Erwerbstätigkeit vereinen. Hier werden bei Kindern im Alter von 1-6 „Lernfreude und Selbstvertrauen geweckt“.
Alle, denen ich erzählt habe, dass mein Sohn in die Förskola kommt, haben gesagt: „Wie schön! Das wird toll!“

Abenteuerlustig ziehen wir los, um ins schwedische Bildungssystem einzutauchen wie Pippi Langstrumpf in die Wellen von Taka-Tuka-Land.

Ein kleiner Raum in fröhlichen Farben. Eine wunderschöne Frau mit langen, blonden Haaren. Um sie herum 9 niedliche Kinder, alle um die anderthalb Jahre alt. Sie können laufen, aber noch nicht sprechen.

Meine Babytochter nimmt als erstes wahr, dass hier etwas nicht stimmt. Sie beginnt zu schreien und hört für die nächsten anderthalb Stunden, die wir an Tag 1 in der Förskola verbringen, nicht damit auf.

Ich warte erstmal ab. Sicher wird uns gleich jemand willkommen heißen. Sich vorstellen, uns die Räume zeigen, den Tagesablauf erklären. Aber die beiden Erzieherinnen ignorieren uns. Ratlos stehen wir an der Wand. Richard liebäugelt mit den Spielsachen, mein Baby brüllt.

Ein Beamer wirft Youtube-Videos an die Wand des kleinen Raumes. Grüne Comic-Frösche singen mit verzerrten Stimmen: „Die Fröschelein, die Fröschelein, das ist ein lust’ger Chor.“ (Ja, das gibt’s auch auf Schwedisch.) Eine Disco-Kugel wirft unaufhörlich bunte Farbreflexe in jede Ecke des Raumes.

Ich sehe mir die Kinder genauer an. Sie sehen nicht aus wie Pippi Langstrumpf. Eher wie Waisenkinder aus einem Märchen der Gebrüder Grimm. Die meisten saugen heftig an ihren Schnullern. Ein kleines Mädchen mit blondem Zöpfchen schluchzt: „Mama…?“

Ich weiß, es ist normal, wenn ein Kita-Kind beim Abschied von seiner Mutter weint. Alles okay, solange das Weinen nicht länger als 10 Minuten dauert und das Kind danach zufrieden in der Gruppe zu spielen beginnt. Aber nach 10 Minuten weint das Mädchen noch immer. Auch nach einer halben Stunde.
Und noch immer hat uns niemand angesprochen.

Es gibt Obst. Eine Erzieherin packt die Kinder und platziert sie in einem Kreis auf dem Boden. Ein Obstteller wird herumgereicht. Youtube flackert und singt lautstark weiter. Essen vorm Fernseher, denke ich. Na großartig.

Richard hat sich in eine leidlich ruhige Ecke verzogen und erkundet eine Kiste mit Autos. Er ist geschockt, als ihn die Erzieherin ohne Vorwarnung packt und wegträgt. Er strampelt und schreit und wehrt sich. Die Erzieherin wirft mir einen schnellen Blick zu. Was soll ich sagen? – Ich finde die Reaktion meines Kindes angemessen. Ich möchte auch nicht, dass mich jemand Fremdes einfach packt und wegträgt.

Tag zwei. Es wird schlimmer.

Das traurige Mädchen mit dem Zopf weint und weint. Die Erzieherinnen nehmen es hoch und stellen es vor Youtube ab. „Guck mal da, die Fröschelein!“

Ich verziehe mich in den Wickelraum und rufe heimlich meinen Mann an. „Du musst dir das ansehen.“ Er versinkt in Arbeit, aber er verspricht zu kommen.

Ich bitte eine Erzieherin, mir zu erklären, wie man ihren Namen richtig ausspricht. Ich möchte gerne, dass mein Sohn sie ansprechen kann. Ihr Name sei sehr kompliziert, antwortet sie. „Und was sagen die anderen Kinder?“ – „Die sagen nichts.“

Mehr und mehr Kinder stimmen in das traurige Weinen ein. Die Fröschelein singen.

Gegen Mittag passiert etwas. Ein Mann betritt den Raum, gut gekleidet, sehr aufrecht, in einem tadellos gebügelten Hemd. „Här kommer min man“, sage ich, und bilde mir ein, in den Augen der Erzieherinnen zu lesen: Was?! Zu der komischen Frau in den alternativen Klamotten mit dem ewig schreienden Baby gehört dieser Mann?
(Yep. Ich kann’s manchmal auch kaum glauben.
Aber darum geht’s hier nicht.)

Für die Dauer einer Mittagspause hat jede Erzieherin ein Kind auf dem Schoß und ein Lächeln im Gesicht. Das weinende Mädchen wird aus dem Zimmer gebracht und schlafen gelegt. Dann muss mein Mann weiterarbeiten und alles ist wie vorher.

„Mama…?“
Es macht mich so traurig. Ich möchte dieses unglückliche Menschenkind in den Arm nehmen und trösten. „Komm her!“, rufen die Erzieherinnen dem Mädchen zu. Es schaut sie an, aber es geht nicht zu ihnen.

Fünf Stunden lang weint das Mädchen. Dann wird es endlich abgeholt. „Wie war’s?“, fragt die Mutter die Erzieherin. „Ganz okay“, antwortet diese. „Sie hat zwanzig Minuten geschlafen.“

 

Nachsatz.

Wir haben nach diesem Erlebnis unsere neue Freundin Elinor  besucht, eine schwedische Mutter von vier Kindern, die ich sehr schätze. Sie hat die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen und mir versichert, dass dies nicht (!) repräsentativ für eine schwedische Förskola sei. Sie selbst hat mit allen ihrer Kinder gute Erfahrungen gemacht, und ich glaube ihr.

Sie riet mir, nie wieder dort hinzugehen.
Nicht, dass ich das vorgehabt hätte.

G

 

3 Gedanken zu „Limbus“

  1. Das hört sich ja wirklich furchtbar an, wie es in dieser „Förskola“ zu geht 🙁
    Aus dem Nord-Ost-Kindergarten kenne ich das anderes, da tröstet sogar die Aushilfe in der Küche manchmal die Kinder 😉
    Ich wünsche Dir viel Kraft und Freude jetzt wieder mit Euren beiden Kindern zu Hause, und dass Ihr bald einen „bessere“ Förskola“ findet.

  2. Ja, an den Nord-Ost-Kindergarten musste ich auch denken. Ich war froh, dass ich mir den mal angeschaut hatte. So hatte ich ein konkretes Beispiel vor Augen für eine Einrichtung, in der die Kinder liebe- und respektvoll behandelt werden. Viele Grüße an Manu und Euch alle!

  3. Wenn ich so etwas höre kommen mir die Tränen! Gut dass ihr rechtzeitig gemerkt habt was das für ein Laden ist. Ich hoffe ihr findet schnell eine bessere Förskola für Richard.
    Könnt ihr die Mutter von dem armen Mädchen informieren? Viele liebe Grüße aus Berlin.

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