Phasenwechsel

Eines Tages sage ich zu meinem Sohn „Wasch dir bitte die Hände“, und es folgt kein Protest. Stattdessen ein tiefer Seufzer. Ein Moment Stille. „Na gut“. Als er aus dem Bad kommt, riechen seine Hände nach Seife.

Da weiß ich: Der Sturm hat sich gelegt.

Manchmal flackert er nochmal kurz auf, aber alles in allem ist der Große wieder ein genauso angenehmer, ausgeglichener Zeitgenosse wie vorher. Vielleicht noch ein bisschen reifer, mitdenkender. Er ist jetzt auch noch freundlicher zu seiner Schwester. Er lobt sie, wenn sie wieder mal ganz allein die Treppe hochgekrabbelt ist, oder den Lauflernwagen strahlend vor sich herschiebt. „Toll gemacht, Linnea!“ Das macht mich froh.

Im Kindergarten berichtet mir die Erzieherin von den Erlebnissen des Vormittags. Jedes Kind sollte sich nacheinander auf seinen Stuhl stellen und vor der ganzen Gruppe etwas sagen. Irgendetwas. Ein erster öffentlicher Auftritt, sozusagen. Unser Sohn stellte sich auf sein Stühlchen und sprach: „Min Mamma heter Gesina och min Pappa heter Volker!“ Die Erzieherin erzählt es mir voller Anerkennung: Es bereite ihm keine Schwierigkeiten, vor anderen zu sprechen. Schwedisch-bescheiden antworte ich: „Wie schön.“ Das ist, gemessen an meinen eigentlichen Empfindungen, sehr, sehr stark untertrieben.

Später am Nachmittag sind wir im Språkcafé. Vor einem Jahr habe ich hier meine ersten Sätze auf Schwedisch versucht. Mittlerweile kann ich mich flüssig unterhalten, suche noch gelegentlich nach der richtigen Präposition, aber im Großen und Ganzen fühle ich mich in der Sprache wohl. Die Kinder spielen in der Spielecke, ich bin in ein Gespräch vertieft, da höre ich den lauten Schrei meines Sohnes.

„Mama!“

„Was ist passiert?“

„Es schneit!!“

Raunend geht der Satz auf Schwedisch durch den Raum: „Det snöar!“, und alle Blicke gehen zum Fenster, wo sich dicke Flocken herabsenken: „Det snöar, det snöar!“

Draußen halten Richard und ich uns an den Händen, tanzen über den Parkplatz und singen „Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus,“ dann fahren wir los, um einen Schlitten zu kaufen, und es gibt  wieder nichts Schöneres, als einen Dreijährigen zu haben.

G

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