The grass is always greener on the other side

Nach getaner Arbeit saßen Richard und ich gestern Abend in unserer Gartenschaukel auf dem Rasen und beobachteten den Sonnenuntergang. Die erste Woche Alltag lag hinter uns. Ich dachte mir, das ist eine gute Gelegenheit fuer folgende Frage: „Und, Richard, wie gefällt es dir hier in Schweden?“ Er antwortet etwas verschmitzt weiter der Sonne entgegenblickend: „Dans söön.“ (Soll heissen: Ganz schön.) „Rasen auch grün.“ Ich staune über soviel philosophischen Tiefgang mit zwei Jahren. Tatsächlich ist der Rasen hier „auch grün“ wie Zuhause in Deutschland, nicht mehr und auch nicht weniger grün, sondern „auch grün“.

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Ich bin ein Grashüpfer!

Heute suche ich uns eine Krabbelgruppe. Immer wieder hat man mir geraten, mich einer solchen „Öppna Förskola“ anzuschließen, also springe ich über meinen Schatten und mitten in die fremde Kultur hinein. Ich bin nicht gern „die Ausländerin“, für die man dolmetschen muss, aber irgendwie muss ich ja anfangen.

In der Kirche ein paar Straßen weiter gibt es einen riesigen Kinderspielraum, der bald voller Leben ist: Etwa 20 Erwachsene mit ebenso vielen Kindern spielen mit Puppenküche, Parkhaus und Bauernhof. Darunter sind erstaunlich viele Väter. Klar, in Schweden teilt man sich die Elternzeit. Mutter und Vater bleiben klassischer Weise jeder ein halbes Jahr zuhause. Pro Kind.

Es tut mir leid für Richard, dass er nicht mit den anderen Kindern kommunizieren kann. Er redet zwar mit ihnen und gibt sich große Mühe, besonders deutlich zu sprechen, aber niemand versteht ihn. Letztlich spielt er allein mit seinen Autos. Keiner freut sich mit ihm. Ich vermisse unsere Freunde in Deutschland. Noch bin ich Richard gegenüber im Vorteil, denn ich kann auf Englisch mit anderen Eltern smalltalken und merke eher als er, dass wir hier willkommen sind.

Nach einer Stunde freiem Spiel gibt es Fika. „Do you now Fika?“, fragt mich die Leiterin. Das sei das allerwichtigste Wort auf Schwedisch, es bedeutet soviel wie „Kaffeepause“, dafür lässt man alles andere stehen und liegen. Wir versammeln uns in der Küche, es gibt Weißbrot mit Käse und Gurkenscheiben, dazu Kaffee und für die Kinder Saft. Bei so vielen Kleinkindern wird das eine unvorstellbare Sauerei, aber hinterher wird gefegt und alle sind fröhlich und entspannt.

Danach kommt das Highlight: Die Sing-Stunde! Kinder und Erwachsene setzen sich in einen Kreis, die Leiterin holt die Ukulele hervor. Und dann geht’s rund. Wenn 40 Schweden (und 2 Neue aus Deutschland) aus vollem Hals zu einer Mini-Gitarre singen, hält es keinen auf dem Boden. Richard ist der erste, der aufspringt, in die Kreismitte rennt und dort tanzt. Ich schnappe einzelne Wortfetzen auf, z.B.: „Ich bin ein Grashüpfer…!“ (Wer das Lied auf Youtube anschauen will, es startet ab der 30. Sekunde)

„Jag är en Grässhoppa“

Eine volle Stunde singen wir zusammen. Die Schweden haben ein viel größeres Repertoire an Kinderliedern, scheint mir. Wir singen und tanzen und lachen und gehen hinterher glücklich nach hause. Die Leiterin lädt uns ein, nächste Woche wiederzukommen, und Richard sagt zu ihr: „Hejdå (Tschüß), Anna-Maria!“

Am nächsten Tag fragt er mich hoffnungsvoll: „Heute wieder Förskola, ja?“

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Backe, backe Kuchen

Jeder Mensch hat wohl seine eigene Art, mit Heimweh umzugehen. Ich jedenfalls begegne der trübseligen Stimmung in einer fremden Wohnung, indem ich die Küche zum Leben erwecke. Der Duft, der dabei durchs ganze Haus zieht, ist so herrlich heimelig und tröstlich. Und so backe ich Vollkornbrot und Apfelschnecken und Streuselkuchen, koche die Holundebeeren aus unserem Garten zu Holundersirup ein (ein altes Heilmittel gegen Erkältung), und abends gibt’s Lasagne und warme Suppen, richtiges Wohlfühlessen.

Mein Highlight kam heute aus dem Ofen: Honigkuchen nach einem Rezept aus einem ostfriesischen Kochbuch, mit Honig und Lebkuchengewürz, hmmm….

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Richard hilft mir grundsätzlich. Mittlerweile schlägt er mehrmals täglich vor: „Tuchen batten, ja?“ Dann schiebt er sich einen Stuhl heran und wenn ich nicht aufpasse, probiert er sich durch die Zutatenliste. Passender Weise habe ich kürzlich auf einem Flohmarkt eine Kinderschürze gefunden, so ist er bestens gerüstet…

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Aus Holz?

Richard rast durch das Haus mit allem, was fahrbar ist und Krach macht. Ich schätze, er hat mittlerweile 20 Mal soviel Energie wie ich.

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Im neuen Zuhause kommt er allerdings an viel mehr Dinge dran – an den Herd, an den Wasserkocher, an die Brotmaschine, ganz anders als noch in Frankfurt. Wir müssen ihm ganz neu beibringen, was erlaubt und was tabu ist. Das klappt eigentlich auch ganz gut – aber manchmal hat man das Gefühl, er nimmt das Gesagte gar nicht war.

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Freunde

Die alten Freunde sind weit weg, wir vermissen sie. Fotos angucken hilft nur ein bisschen. Richard braucht unbedingt neue Freunde – am besten in seinem Alter. Das gleiche gilt auch für mich (nicht in seinem Alter sondern in meinem Alter natürlich!) Ich hoffe, er kann bald in eine KITA gehen. Ich muss dann auf die Arbeit gehen. Am Montag geht es los.

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Schwanger in Schweden

Ich bin im 8. Monat schwanger, meine Winterjacke geht längst nicht mehr zu. Ich brauche eine Hebamme! Vor 2 Wochen habe ich mich von meiner Frauenärztin in Deutschland verabschiedet, nun versuche ich, mich im schwedischen Gesundheitssystem zurecht zu finden. Erste Hürde: die Telefon-Ansage im Ärztehaus. Denn die ist auf Schwedisch.

Zum Glück übt Richard seit Monaten die Zahlen von 1 bis 20. Somit kann ich sie in- und auswendig. „Wollen Sie einen Termin im Krankenhaus? Tryck ett. Einen Termin bei der Krankenschwester? Tryck tva. Einen Termin bei der Hebamme?“ Ich drücke die Drei. Kurz darauf habe ich einen Termin für nächste Woche. Das ging ja schnell.

Volker und ich nutzen den freien Tag für eine Fahrradtour zur Uniklinik. Dort schlagen wir uns durch bis zur Geburtsstation. Ich bitte um Einlass: „Ich bin schwanger, darf ich mal reinschauen?“ Die diensthabende Hebamme ist konsterniert, Führungen seien nicht üblich, dann aber nimmt sie sich viel Zeit und zeigt mir alles: Einen Kreißsaal (von insgesamt 9!), die Zimmer, und den Kühlschrank, in dem die werdenden Väter ihr mitgebrachtes Essen deponieren dürfen. Durchschnittlich 11 Kinder werden hier pro Tag geboren. Davon ist nichts zu hören, alles ist ruhig.

Anders als die restlichen Klinikgebäude wirkt die Geburtsklinik etwas altmodisch, auch der Kreißsaal ist eher karg und zweckmäßig. Aber die Hebamme zählt in astreinem Englisch zig verschiedene Schmerzlinderungs-Techniken auf, von PDA über Akupunktur bis TENS. Die weiß, was sie tut und beruhigt mich damit total. Nicht umsonst ist der Ruf der schwedischen Geburtsmedizin exzellent.

Fazit: Das Baby hat noch 10 Wochen Zeit, aber ich weiß schonmal, wo’s zum Kreißsaal geht.

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Offiziell angekommen

Vier Tage (!) nach unserem Besuch beim Amt finden wir im Briefkasten die erhofften Personnummern vor. Von wegen 6 Wochen Wartezeit. Ab sofort sind wir offiziell schwedische Einwohner!

Die Abmeldebestätigung des Einwohnermeldeamtes in Frankfurt ist hingegen noch nicht da. Na gut, dann sind wir derzeit eben beides.

G & V

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Auf zum Amt

In Schweden geht nichts ohne „Personnummer“, die einen zur Teilnahme am öffentlichen Leben berechtigt. Also machen wir uns am 16. September auf den Weg zum zuständigen Amt, um solche eine Nummer zu beantragen. Im Wartesaal sitzen bereits viele Männer und Frauen, die meisten dunkelhäutig, südländisch, afrikanisch, sorgenvoll, gedankenverloren. Wie privilegiert fühle ich mich, dass wir am Eingang von einer freundlichen Dame von Volkers Firma begrüßt werden, die extra unseretwegen hergekommen ist, um uns beim Anmelden zu helfen und für uns zu übersetzen. Praktischerweise hat sie schonmal eine Nummer gezogen, damit wir nicht so lange warten müssen. Wir füllen die Formulare aus. Richard langweilt sich bald. „Absteigen!“, fordert er, und versucht, aus seinem Buggy zu klettern. Ich habe einen aufblasbaren Ball in der Tasche und kurz darauf spielen Volker und Richard zwischen den wartenden Menschen Fußball. Ich schaue mich vorsichtig um, ob jemand Anstoß nimmt. Aber nein, unsere freundliche Dame sagt ganz gerührt zu mir: „Wie schön Ihr Mann mit Ihrem Sohn spielt. Das sehe ich nicht oft bei entsendeten Männern.“

Unsere Nummer wird angezeigt; wir treten an den Tresen und müssen nur im richtigen Moment nicken, alles andere erledigt unsere patente Helferin. Richard stellt sich auf den Tresen und sagt stolz seinen vollen Namen. Das hat unser Frankfurter Nachbarskind oft mit ihm geübt. Jetzt kann er es anwenden. Wir müssen uns alle daran gewöhnen, dass man seinen Namen hier „Rickard“ ausspricht.

Man kündigt uns eine 2-6-wöchige Wartezeit an, bis wir die ersehnte Personnummer erhalten. Puh. 6 Wochen ohne Telefon, Internet, Bankkonto, ärztliche Versorgung. Unsere Handys sind unabhängig voneinander beide in den letzten Tagen kaputt gegangen. Wir können uns ansatzweise vorstellen, wie man sich als Flüchtling fühlen muss.

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Raus aus der Komfortzone!

Zum Frühstück am 2. Tag sind die Möbelpacker wieder da. Sie bringen weitere Kisten und bauen das Kinderbett und den Wickeltisch auf. Alle anderen Möbel nutzen wir von unseren Vermietern. Das Haus gehört einer jungen schwedischen Familie – Vater, Mutter und zwei kleinen Jungs – die zeitgleich für 2 Jahre als Familie  nach Paris gezogen sind.

Wir beginnen mit dem Ausräumen der ersten Kisten, das Chaos verschlimmert sich. Aber am Abend ist die Küche fertig eingeräumt und Richard kann ein gemütliches Kinderzimmer in Beschlag nehmen. Es haben sich sogar einige noch nicht ausgepackte Geburtstagsgeschenke angefunden! An seinem Geburtstag hat er nicht alle geschafft, und am nächsten Tag sind sie in den Umzugskisten verschwunden. Wie schön für ihn, dass er von seinem neuen Zimmer so positiv überrascht wird.

Einige Wochen vor dem Umzug hat uns eine interkulturelle Trainerin auf das Leben in Schweden vorbereitet. Das war ein faszinierender Tag, in dem wir viel über die schwedische Mentalität, Fettnäpfchen und Redewendungen gelernt haben. Eines hat sich uns besonders eingeprägt. Auswandern heißt:

  1. Raus aus der Komfortzone
  2. Autopilot ausschalten
  3. Antennen ausfahren
  4. und dann los!

Heute finden wir, dass wir Punkt 1 lehrbuchhaft umsetzen.

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Gelandet!

Nach zwei Stunden Flug aus unserer Heimatstadt Frankfurt betreten wir am 13. September irgendwo zwischen Stockholm und Uppsala schwedischen Boden. „Jetzt sind wir in Schweden!“, flüstere ich Richard ins Ohr. Er flüstert zurück: „Wo sind die Volvos?“ – Natürlich konnte er sich mit seinen 2 Jahren vorab nicht vorstellen, was es bedeutet, nach Schweden zu ziehen. Aber er hatte verstanden, dass es in Schweden viele Autos der Marke Volvo gibt. Also, wo sind sie? Gerade will ich erklären, dass wir vermutlich erst in der Tiefgarage fündig werden, da hellt sich sein Gesicht auf: „Da!“ Tatsache. Mitten im Flughafen-Terminal steht ein nagelneuer, weißer Riesen-Volvo. Richard strahlt. Wir machen ein Beweisfoto.

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Mit dem Schnellzug fahren wir gen Norden in unseren neuen Wohnort Uppsala (gesprochen Upp-Soa-La, mit Betonung auf der 2. Silbe). Als wir an unserem Haus ankommen, sind wir alle müde; Richard hat den Mittagsschlaf ausfallen lassen und ist quengelig und überdreht. Wir freuen uns auf einen ruhigen Abend. Aber Überraschung! – Einen Tag früher als angekündigt steht der Möbelwagen vor der Tür, die Möbelpacker warten ungeduldig auf uns. Wir schauen uns an und zucken die Achseln. Was soll’s. Das Ausladen beginnt. Minuten später ist unser schönes stilles Haus ein einziges Chaos aus Kisten und Möbelteilen.

Als die Männer am Abend endlich ihre Arbeit beenden, teilen wir uns unendlich erschöpft eine Tiefkühlpizza und eine kleine Packung Eis. Löffel haben wir noch nicht gefunden, wir essen von Richards Puppengeschirr. Geht auch.

G