Förskola

„Warum geht er denn noch nicht zur Förskola?“

Die schwedische Sprache kommt ohne viel Modulation aus. Missbilligung muss man sorgsam zwischen den Zeilen lesen. Widerspruch kommt freundlich als „Ja, aber…“ daher. Das Wort „Nej“ (Nein) lernt man zwar als Tourist, aber man braucht es im Alltag kaum. Es ist viel zu negativ.
Manchmal bin ich unsicher, ob ich in meiner Wortwahl nicht versehentlich unhöflich bin. Ich mache mehr Pausen als früher, um meinem Gegenüber Gelegenheit für ein „Ja, aber“ zu geben. Ich lausche den Sätzen anderer nach, ob darin nicht doch Kritik mitschwingt. So wie jetzt gerade.

Also, warum geht unser Kind noch nicht in eine Kinderbetreuung?

Fakt ist: Vor einem halben Jahr, im Februar, haben wir es versucht (siehe hier). Wir hatten allerdings Pech. Nach 2 Tagen unter frostigen Erzieherinnen und todunglücklichen Kindern entschieden wir: Hierhin schicken wir unser Kind nicht.

Im Nachhinein merke ich, dass ich danach unterbewusst alle Förskolas unter Generalverdacht gestellt habe.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zum Thema Förskola, gesprochen Förschkola. Auch wenn das Wort „Schule“ mitklingt: Es handelt sich um eine Betreuung von Kindern von 0 bis 5, aufgeteilt in 3 Altersgruppen. Die Kleinsten werden gewickelt, gefüttert und bespaßt, die Größeren gefördert und auf den Spielplatz zum Austoben geschickt. Lustig finde ich, dass im ultramodernen und gender-neutralen Schweden die Kinder ihre Erzieherinnen ausgerechnet „Fröken“ nennen – „Fräulein“. Diese Fräuleins sind zu 50% Vorschulpädagogen und einfache Kinderpflegerinnen.
Förskola-Plätze sind knapp. Die Vergabe erfolgt über eine komplizierte digitale Plattform, man hat wenig Mitspracherecht bei der Auswahl der Einrichtung. Man nimmt, was man kriegt, sonst steht man ohne Platz da. – Exkurs Ende.

Irgendwann fragt mich also mein Mann: „Warum schiebst du es eigentlich so vor dir her, für Richard einen neuen Förskola-Platz zu finden?“

Ertappt.

Widerstrebend stelle ich mich dem Thema und versuche, diesmal alles richtig zu machen. Surfe über die digitale Förskola-Plattform, radle durch Uppsala, besuche Einrichtungen, und hebe dabei tatsächlich einen Goldschatz: eine freie Förskola in einer alten, bunten Stadtvilla, mit Holzfußböden, hohen Fenstern, nur 15 Kindern. Ich bewerbe uns und hurra, ergattere einen Platz. Mit 6 Monaten Wartezeit, aber egal.

Ja, und als die Wartezeit fast abgelaufen ist, kommt uns der Umzug dazwischen und wir ziehen ans andere Ende der Stadt. Die digitale Plattform bietet uns umgehend einen Förskola-Platz am neuen Wohnort an. Ich fahre hin. Keine Altstadtvilla, sondern ein flacher Plattenbau. Ich suche nach Indizien, dass es hier anders zugegt als bei der schrecklichen Förskola im Februar. Ich würde mir gern die Kinder anschauen. Aber es sind keine da. Sommerpause. Alles wirkt verwaist, kahl und zweckmäßig.

Mein Mann und ich ringen um eine Entscheidung. Es steht Villa Kunterbunt gegen Katze im Sack. Eine Stunde Fahrzeit am Tag gegen einen kurzen Spaziergang. Neue Freunde weit weg oder bestenfalls Freunde in Nachbars Garten.

Ich würde gern in die Zukunft sehen und wissen, welche Förskola für unseren Sohn die bessere ist. Aber es geht ja nicht. Wir sind einfach nur ratlos.

Solche Entscheidungen besprechen wir immer mit Gott. Irgendwann in der Nacht steht fest: Wir wagen die Katze im Sack. Ich sagte der Villa Kunterbunt ab. Und fange an, für die neue Förskola zu beten.

G

Ein Gedanke zu „Förskola“

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